Unser Lädchen für (wirklich) alles …

Nahversorgung, Inklusion und soziales Zentrum in Gertenbach

Unser Lädchen für (wirklich) alles …

Seit acht Jahren ist das „tegut… Lädchen für alles“ ein lebendiger Mittelpunkt für Gertenbach und die umliegenden Dörfer. Sogar von Hedemünden und Oberode kommen Menschen hierher, um sich mit Lebensmitteln und anderen Dingen für den täglichen Bedarf einzudecken. Das Sortiment ist für den kleinen Laden sehr groß. Besonders gefragt sind die vielen Bio-Artikel und das große Angebot an regionalen Produkten – Kartoffeln und Honig aus Gertenbach, Frischmilch aus Albshausen, Bio-Rindfleisch aus Fahrenbach, Seife und RÖSTwerk-Kaffee aus Witzenhausen, Mohnprodukte und Hundefutter vom Meißner sowie Hanfprodukte aus Wanfried.

Nicht nur ältere Menschen wissen die gute Versorgung vor Ort zu schätzen, auch junge Mütter oder die Eltern, die morgens ihre Kinder zur Schule bringen und bei der Gelegenheit im Dorfladen einkaufen. Mit den kundenfreundlichen Öffnungszeiten (Mo bis Fr, 7 bis 19 Uhr und Sa 7 bis 14 Uhr) erledigen auch viele Berufstätige nach der Arbeit hier ihre Einkäufe.

Der Dorfladen als Inklusionsbetrieb

Kathrin Popp und Nicole Sparbier kennen viele StammkundInnen mit Namen. Die beiden arbeiten seit 2011 im Lädchen und teilen sich die Leitung, seit die frühere Leiterin Franzi Beilschmidt im März 2018 in Rente gegangen ist. Nicole Sparbier hat ein besonderes Händchen für Zahlen und Buchführung, während Kathrin Popp sich mehr um die sozialen Belange im Team kümmert. Das ist besonders wichtig, weil das Lädchen in Gertenbach ein Inklusionsbetrieb ist. Von den zehn Festangestellten im Team haben fünf eine Einschränkung – von der Hörbehinderung bis zur psychischen Erkrankung.

Die Belegschaft des Lädchens ist bei der stellenwert GmbH angestellt. Die Tochtergesellschaft des Vereins Aufwind hat zum Ziel, die Beschäftigungssituation für Menschen mit Beeinträchtigungen im Kreis zu verbessern und für sie Arbeitsplätze auch außerhalb von Werkstätten zu schaffen. Rund die Hälfte der Angestellten von stellenwert hat eine Beeinträchtigung. Für das Auspacken und Einräumen der Ware erhält das Lädchen-Team Verstärkung durch zwei Beschäftigte der Integrierten Betriebsstätte Witzenhausen (IBW). Diese ist eine Kooperation des Vereins Aufwind und den Werralandwerkstätten, die Menschen mit einer seelischen oder geistigen Behinderung Beschäftigung bietet.

Von geduldiger Kundschaft und achtsamen Chefinnen

Von den Lädchen-Leiterinnen erfordert die Arbeit in und mit einem integrativen Team mehr Achtsamkeit und Geduld. „Für Menschen mit einer Behinderung ist es oft ungleich stressiger und anstrengender, gewohnte Abläufe zu verändern“, erklärt Kathrin Popp. Das ist Sensibilität gefragt, wenn die Arbeit anders verteilt werden muss, weil eine Kollegin krank ist, oder eine Lieferung außer der Reihe kommt. Bei Fragen und Problemen können sich die Leiterinnen an Rolf Eckhardt und Matthäus Mihm, die Geschäftsführer der stellenwert GmbH, wenden. „Die beiden haben immer ein offenes Ohr und es ist ein tolles Gefühl, wenn nette Chefs hinter einem stehen“, erzählt Nicole Sparbier.

Kathrin Popp und Nicole Sparbier achten auch darauf, dass die Arbeit niemanden überfordert. Der überwiegende Teil der Kundschaft ist geduldig, doch an Samstagen ist die Schlange vor der Kasse lang und die Einkaufshektik groß. Das erzeugt einen Druck, dem sich die MitarbeiterInnen mit Handicap nicht gewachsen sehen. Seit einiger Zeit arbeiten sie daher bis auf wenige Ausnahmen nur noch von montags bis freitags.

Eine Bereicherung für das Dorfleben

Trotz mancher Hektik macht die Arbeit im Lädchen viel Spaß, weil sie interessant und abwechslungsreich ist. „Wir könnten einen Roman schreiben über das, was wir hier erleben“, sagt Nicole Sparbier. Zum Beispiel von dem Jugendlichen, der Zigaretten kaufen wollte und bei der Altersangabe gemogelt hat. „Weil wir fast alle kennen, die hier regelmäßig einkaufen, ist das natürlich sofort aufgeflogen“, erzählt sie weiter.

Das Lädchen-Team kennt die Kundschaft auch deshalb so gut, weil sich das Lädchen sehr aktiv ins Dorfleben einbringt. In der Adventszeit werden die Kinder aus Kindergarten und Grundschule traditionell zum Plätzchenbacken eingeladen. Und für die Aktion „Gesundes Frühstück“, die der Dorfladenverein finanziell unterstützt, liefert das Lädchen einmal im Monat einen Obstkorb in den Kindergarten und die Grundschule.

SeniorInnen können sich ihre Einkäufe auf Wunsch sogar nach Hause liefern lassen. Auch die drei Seniorenzentren in Witzenhausen werden vom Lädchen beliefert. Einmal die Woche packt Kathrin Popp eine Auswahl an Waren zusammen – von der Plätzchenpackung bis zum Duschgel – und beliefert das Haus der AWO. Im Haus Salem und dem DRK-Haus schiebt sie sogar ein Wägelchen über die Flure und bietet den BewohnerInnen eine Einkaufsmöglichkeit vor Ort.

Das große Engagement des Dorfladen-Teams trägt mit zum wirtschaftlichen Erfolg des Lädchens bei und bereichert das Dorfleben. So ist das Lädchen für alles ein Glücksfall für die Menschen in Gertenbach und Umgebung. Hier gibt es wirklich alles: Nahversorgung, Arbeitsplätze, vor allem auch für Menschen mit Einschränkungen, und jede Menge Leben.

Mehr über die Gründungsgeschichte des Ladens und das Engagement von tegut…, Aufwind und dem Dorfladenverein finden Sie [hier] [im Artikel „Engagemet plus viele glückliche Fügungen“]

Edith Hettwer

Die Gründungsgeschichte unseres Dorfladens:

Engagement plus viele glückliche Fügungen

Dass es den Dorfladen in dieser Form in Gertenbach überhaupt gibt, verdanken wir einigen engagierten Menschen und vielen glücklichen Fügungen: Nach langem Leerstand im alten Dorfladen hatten sich 2009 einige Menschen zusammengefunden, die den Laden wieder zum Leben erwecken wollten – zur Not als Genossenschaft mit Ladendienst für alle. Zu dieser Zeit wurde der Werra-Meißner-Kreis Modellregion für Projekte, die dem demographischen Wandel engagiert begegnen wollen. Die Nahversorgung in einem Dorf wie Gertenbach zu sichern war ein förderwürdiges Ziel, doch um die EU-Gelder zu erhalten, musste ein eingetragener Verein her. Das war die Geburtsstunde des Vereins „Dorfladen für Gertenbach e.V.“

Dorfladenverein erhält EU-Gelder für den Start

Zur gleichen Zeit hat tegut… ein Konzept entwickelt, um mit seinen „Lädchen für alles“ die Nahversorgung auf den Dörfern zu sichern. Nach dem Konzept wäre das Ladenlokal in Gertenbach eigentlich zu klein, um wirtschaftlich interessant zu sein. Doch weil ein Verein engagierter Menschen hinter dem Laden stand, hat tegut… den Versuch gewagt. Der Verein konnte mit den EU-Geldern einen Großteil der Kosten für Renovierung, Umbau und Erstausstattung übernehmen. Und eine weitere glückliche Fügung hat tegut… die Entscheidung für den Dorfladen leicht gemacht: Das Engagement des Vereins Aufwind mit seiner Tochtergesellschaft, der stellenwert GmbH.

stellenwert GbmH: Integration durch Arbeit

Aufwind, Verein für seelische Gesundheit, macht im Werra-Meißner-Kreis Angebote für Menschen mit einer psychischen Erkrankung – von der Tagesstätte bis zum betreuten Wohnen. Die Tochtergesellschaft stellenwert GmbH hat das Ziel, die Beschäftigungssituation für Menschen mit Beeinträchtigungen im Kreis zu verbessern und für sie Arbeitsplätze auch außerhalb von Werkstätten zu schaffen. Nach ersten, positiven Erfahrungen mit dem Dorfladen marktwert in Datterode hat die Integrationsfirma stellenwert sich entschieden, sich am Dorfladen in Gertenbach zu beteiligen und das Personal für den Laden zu stellen. Rund die Hälfte der Arbeitsplätze, die stellenwert auf diese Weise schafft, werden an Menschen mit körperlichen oder seelischen Einschränkungen vergeben.

Kooperation heißt: Alle gewinnen

Die Waren im Dorfladen gehören also tegut… und das Personal ist bei stellenwert angestellt. Durch diese Kooperation wird es leichter, einen kleinen Dorfladen wirtschaftlich zu betreiben. Auch unsere Gesellschaft gewinnt, weil Arbeitsplätze – vor allem auch für Menschen mit einer Behinderung – geschaffen werden. Und die Menschen in Gertenbach und Umgebung gewinnen auch: Einen Laden zur Nahversorgung mit familiärer Atmosphäre und einem engagierten Team!